30.08.2022

Neues Hauarztpraxiskonzept für die Verbandsgemeinde Montabau

Im Interview: Dr. Frank Heinzen über die Entwicklungsperspektiven von LandarztPlus

Dr. Frank Heinzen, Leiter der MVZs in der BBT-Region Koblenz-Saffig spricht im Interview über die neue Hausarztpraxis "LandarztPlus" im Montamedicum in Montabaur und gibt einen Ausblick auf die angestrebten Entwicklungsperspektiven des neuen Konzepts.

Herr Dr. Heinzen, seit rund zwei Monaten befindet sich im Ärztehaus Montamedicum in Montabaur, die Hausarztpraxis LandarztPlus. Geben Sie uns einen Einblick, wie sind die ersten Wochen verlaufen?
Zunächst einmal hat der Übergang der Gemeinschaftspraxis Drs. Bellut ins Montamedicum reibungslos funktioniert. Die Praxisausstattung und Lage unserer ersten LandarztPlus-Praxis ist perfekt und die Mitarbeitenden sind sehr gut angekommen. Bemerkenswert ist die außerordentlich hohe Patientennachfrage. Gegenüber den Vorjahren sind im ersten Quartal im Montamedicum rund ein Drittel mehr Patienten und Patientinnen behandelt worden. Wir können also von einem gelungenen Start sprechen.

 
Was ist Ihrer Meinung nach das Besondere am LandarztPlus-Konzept?
Hier gibt es einige Punkte: Zunächst ist Konzept immer im Rahmen einer engen Kooperation - im Falle von LandarztPlus in Montabaur sogar unter einer gesellschaftsrechtlichen Beteiligung - der Kommunen gedacht. Das heißt, wir entwickeln gemeinsam mit der jeweiligen Kommune einen Plan, wie die Unterversorgung im hausärztlichen Bereich auf dem Land zumindest zum Teil aufgefangen werden kann. Basis dafür ist immer ein hausärztliches MVZ, das über entsprechende Filialen in der Region verfügt. Hinzu kommt ein inhaltliches Konzept, in dem das Thema „Delegation der Leistungserbringung auf nichtärztliches Personal“ eine große Rolle spielt. Wir haben die Prozesse und Besuchsanlässe in der hausärztlichen Praxis definiert bei denen der Arzt die Versorgung auf geschultes, nichtärztliches Personal delegieren könnte. Ziel ist es, die begrenzte Ressource einer ärztlichen Expertise möglichst effektiv einzusetzen. Ein weiterer zentraler Punkt des Konzepts ist die durchgängige Digitalisierung. Dies bietet beispielsweise die Möglichkeit, auch für das nichtärztliche Personal, immer einen Arzt in der Zentrale per Videosprechstunde hinzuschalten zu können. So können viele Diagnosen aus der Ferne gestellt werden, ohne dass ein Arzt direkt vor Ort sein muss. Vorgesehen ist zudem eine entsprechende Vernetzung mit weiteren Fachärzten im Montamedicum.

Wie beurteilen Sie die Situation von Nachwuchskräften? Gibt es noch ausreichend junge Menschen, die sich für den Beruf des Hausarztes bzw. Landarztes interessieren?
Was wir sehen ist, dass die Niederlassung, also die ärztliche Selbstständigkeit mit all den „Nebenschauplätzen“ wie administrativen Tätigkeiten, verwalten der Räumlichkeiten, Arbeitsbelastung usw. Hürden darstellen. Dies macht die Nachbesetzungen von Hausarztpraxen für Kommunen im ländlichen Raum zunehmend schwieriger. Mit LandarztPlus ermöglichen wir durch variable Arbeitszeiten, Voll- und Teilzeitmodellen, mit der Übernahme der administrativen Prozessen sowie durch die Gestaltung von Arbeitsplätzen, Bewerberinnen und Bewerber ihrer ärztlichen Tätigkeit fokussierter nachzugehen. Hierin liegt die große Stärke unseres Konzepts

Können flexiblere Strukturen das Berufsbild und die damit verbundene Arbeitsbelastung verbessern? Wie sind Ihre Erfahrungen?
Das können sie sicherlich. Wir haben in unseren fachärztlichen MVZ in Koblenz, Montabaur, Andernach, Saffig und Bendorf eine überwiegende Zahl an Teilzeitkräften im Einsatz. Aber auch die Möglichkeit nur für einen begrenzten Zeitraum etwas weniger zu arbeiten bedeutet ein Zugewinn an Flexibilität, die man wahrscheinlich in einer Selbstständigkeit nicht hat.

Welche weiteren inhaltlichen Entwicklungsperspektiven bietet LandarztPlus?
Wie bereits angedeutet, sehen wir besonders viel Potenzial im Bereich der Delegation. Der Start der Ausbildung zum Physician Assistant, quasi zum Assistenzarzt in der ambulanten Versorgung, geht ja ebenfalls in diese Richtung. Gleichwohl ist die Delegation natürlich im Bereich der Selbstverwaltung ein schwieriges, politisches Thema. Aber die Etablierung eines Modellprojektes wäre hier eine hervorragende Perspektive.

Sind weitere Standorte von LandarztPlus in Planung? Was sind bei der Planung die großen Herausforderungen?
Wir sind mit einigen Regionen in Rheinland-Pfalz im Gespräch und gehen davon aus, dass wir in den nächsten drei Jahren noch zwei weitere Netzwerke entwickeln.